Die Geschichte des Gründungsviertels und der Fischstraße 22

In historischen Stadtbüchern ist unser Grundstück unter wechselnden Hausnummern verzeichnet: 1796 als Nr. 84, 1812 als Nr. 10, 1820 als Nr. 85 im Marien-Quartier, Block 78. Die Parzellengrenzen selbst blieben über Jahrhunderte nahezu unverändert – ein und dieselbe schmale Fläche, nur mit wechselnder Nummer. Das Haus, das hier vor 1942 stand, ist in der historischen Häuserdokumentation der Hansestadt mit dem Kürzel „(†)“ verzeichnet: zerstört in der Bombennacht vom 28. auf den 29. März 1942.

Das Stolterfoht-Haus, Fischstraße 22, vor seiner Zerstörung 1942 – mit dem reich verzierten Barockportal. 
© Stadtbildarchiv Lübeck

 

Das Grundstück Fischstraße 22

Vor seiner Zerstörung war das Haus für sein außergewöhnliches barockes Eingangsportal bekannt – einen reich mit figürlichem Schmuck verzierten Rundbogen mit Engelsfiguren, Maskarons und Ornamentreliefs.
Über der Tür trug es die Inschrift „J. N. Stolterfoht, gegründet 6. Febr. 1733″ – nach diesem Handelshaus wurde das Gebäude im Volksmund auch Stolterfoht-Haus genannt. Das Portal wurde mehrfach kunsthistorisch dokumentiert, zuletzt kurz vor dem Ersten Weltkrieg durch den Lübecker Stadtfotografen Rudolf Struck.

         Das Portal des Hauses Fischstraße 22 mit der Inschrift „J. N. Stolterfoht, gegründet 6. Febr. 1733″. 

         © Stadtbildarchiv Lübeck

 

1143 – Der Anfang

Zwischen Markt, Marienkirche und dem Hafen an der Trave wird 1143 Lübeck gegründet – eine Stadt, die als „Prototyp der modernen abendländischen Gründungsstadt“ gilt und späteren Stadtgründungen an der Ostsee als Vorbild diente. Genau dieses Areal – südlich der Marienkirche, zur Trave hin abfallend – ist bis heute das nachweislich älteste besiedelte Stück der Stadt: das Gründungsviertel, durchzogen von den Hafenrippenstraßen Alfstraße, Braunstraße, Fischstraße und Mengstraße.

Der „Grundriss der Freien Stadt Lübeck“ von 1829, aufgenommen von H. L. Behrens, hier über den heutigen Stadtplan gelegt: Die Altstadtinsel innerhalb der Wallanlagen mit Trave und Wakenitz

 

      Stadtmodell Lübeck im Holstentormuseum © Katrin Eckloff

 

Mittelalterliche Ursprünge

Grabungsfunde datieren die früheste Bebauung des Viertels auf die Zeit vor 1180: Ein hölzerner Keller auf dem Grundstück Braunstraße 30 wurde dendrochronologisch, also anhand seiner Jahresringe, auf 1180–1190 datiert. Zwischen dem damaligen Hafen und dem Markt errichteten die ersten Lübecker Kaufleute ihre Lagerhäuser: mehr als 40 hölzerne Keller in Schwellen-Ständer-Bauweise, wie sie die Archäologen später freilegten. Bald darauf entstanden hier auch die ersten Backsteinhäuser der Stadt – Fragmente davon kamen bei den späteren Ausgrabungen zutage.

Im Mittelalter war das Viertel das Zentrum der hansischen Fernkaufleute und Patrizier, dicht bebaut mit Giebelhäusern auf engen Parzellen. Die Fischstraße selbst taucht erstmals 1263 in einer Urkunde auf, als „platea piscium“ – Fischmarkt. 1362 heißt sie „Vischstrate“, 1413 „Visstrate”; ihren heutigen Namen erhielt sie erst 1852 amtlich. Über Jahrhunderte prägten gotische und Renaissance-Giebelhäuser das etwa 210 Meter lange Sträßchen, das am Fuß der Marienkirche beginnt und zur Obertrave hin ausläuft.

 

Berühmte Bewohner

Zwischen Markt und Trave siedelten in der Braun-, Fisch- und Alfstraße seit der Stadtgründung die Fernhändler, die jahrhundertelang das Leben der Hansestadt prägten. Für das Haus Fischstraße 22 selbst – das Grundstück, auf dem heute The Layhead steht – lassen sich sogar zwei Bewohner namentlich belegen, und sie zeigen, was für Leute hier typischerweise zu Hause waren.

                                                                      Wappen Bomhover an der Briefkapelle der Marienkirche, Lübeck © Katrin Eckloff

 

Dem Ratsherrn und Flottenführer Berend Bomhover, auch Bernd Bomhouwer genannt, gebürtig aus Münster und gestorben 1526, gehörte das Haus Fischstraße 22. Seit 1486 als Kaufmann in Lübeck nachweisbar, wurde er 1501 in den Rat gewählt und stand danach im Zentrum einiger der dramatischsten Episoden der Hansegeschichte: 1503 reiste er nach Schweden, um die Freilassung der gefangenen Königin Christine zu erwirken, 1509 kommandierte er im Dänisch-Lübischen Krieg die Lübecker Flotte, 1510 besetzte er die Insel Bornholm, und 1522/23 führte er gemeinsam mit Ratsherr Hermann Plönnies jene Flotte, die Gustav Wasa im Schwedischen Befreiungskrieg unterstützte und am 21. Juni 1523 Stockholm einnahm – die Bürgermeister der unterlegenen Stadt übergaben Bomhover und Plönnies dafür die Stadtschlüssel. Bis heute erinnert sein Wappen an der Briefkapelle der Marienkirche an ihn.

Rund sechzig Jahre später bewohnte der Kaufmann und Ratsherr Heinrich Störning, um 1550 in Rendsburg geboren und 1592 in Lübeck gestorben, dasselbe Hausgrundstück Fischstraße 22. Störning, der auch als Kapitän auf Lübecker Kriegsschiffen gedient haben soll, wurde 1580 in den Rat gewählt; sein Sohn Thomas Störning wurde ebenfalls Ratsherr der Stadt.

                    Auszug aus der Bau- und Architekturgeschichte Lübecks (BASt), Archiv der Hansestadt Lübeck: 

                                         Bewohner und Eigentümer von Fischstraße 22 mit Quellenangaben

 

Im Haus Fischstraße 1, an der Ecke Schüsselbuden, wohnte zeitweise der Kaufmann Thomas Fredenhagen. In seinem mittelalterlichen Kellergewölbe eröffnete später die Weinstube „Fredenhagens Keller“, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weit über Lübeck hinaus bekannt war.

Der wohl berühmteste Name der Straße: Am 17. Oktober 1815 wurde in der Fischstraße 25 der Dichter Franz Emanuel Geibel geboren, als siebtes von acht Kindern des Erweckungspredigers der reformierten Gemeinde, Johannes Geibel, und dessen Frau Elisabeth Louise Ganslandt. In seinem Elternhaus – dem Pfarrhaus der Reformierten Gemeinde – begann er nach eigenen späteren Versen schon als Kind auf dem Dach zu dichten. Geibel wurde ab den 1840er Jahren neben Heinrich Heine zum meistgelesenen deutschen Lyriker seiner Zeit; sein Gedichtband „Gedichte“ (1840) erlebte bis 1915 132 Auflagen, Komponisten wie Robert Schumann, Johannes Brahms und Felix Mendelssohn Bartholdy vertonten seine Texte. 1868 kehrte er von München, wo er am Hof Maximilians II. gelebt hatte, mit allen Ehren nach Lübeck zurück; die Stadt ernannte ihn 1869 zum Ehrenbürger. Als Geibel 1884 starb, wurde sein Sarg zur Trauerfeier in die Marienkirche gebracht, wo sein Schwager, der Hauptpastor der Petrikirche Ludwig Trummer, die Gedächtnisrede hielt. Bis heute erinnert eine Gedenktafel an seinem letzten Wohnhaus Königstraße 12 an ihn, ebenso das 1889 eingeweihte Geibel Denkmal am Koberg, der zeitweise sogar seinen Namen trug.

                     Historische Postkarte: Emanuel von Geibel und sein Geburtshaus Fischstraße 25

Das Doppelhaus Fischstraße 7–9 wechselte über die Jahrhunderte mehrfach den Besitzer und erzählt damit fast im Zeitraffer die Geschichte einer Lübecker Kaufmannsfamilie: 1646 erwarb Hermann Segebade die Nummer 7, 1662 kam die Nummer 9 hinzu. 1747 verkaufte Ratsherr Hermann Brüning beide Häuser an den Kaufmann Hermann Wilhelm Behncke, der zwischen 1772 und 1782 an ihrer Stelle einen einzigen repräsentativen Neubau errichten ließ. Nach Behnckes Tod 1784 ging das Haus zunächst an seinen jüngeren Sohn, dann 1793 an den älteren Bruder über: Stephan Hinrich Behncke, der später Bürgermeister von Lübeck wurde. Es folgten weitere Besitzer – 1819 Johann David Reddelin, 1865 der Weinhändler Karl Gustav Bruhns, 1873 Johann Gottfried Kriete –, ehe die Lübecker Bauhütte, eine Handwerker-Innung, das Haus 1889 zu ihrem Innungshaus machte.

Auch der Ratsherr Johann Glandorp besaß ein Wohnhaus in der Fischstraße. Sein aufwendiges Portal überstand als eines der wenigen Zeugnisse den späteren Verlust des Gebäudes und wurde an das Schabbelhaus in der Mengstraße versetzt, wo es noch heute zu sehen ist. FOTO

Ein dunkles Kapitel: 1933 kaufte die Lübecker Spar- und Anleihekasse das Haus Fischstraße 7–9 und überließ es 1934 der örtlichen Sektion des „Stahlhelm“, die inzwischen in der SA aufgegangen war. Als „Franz-Seldte-Haus” stand es nur wenige Jahre, ehe es 1942 zerstört wurde.

              Die Fischstraße vor der Bombennacht – ungestört mit Blick auf die Türme der Marienkirche. 
             ©Stadtbildarchiv Lübeck

 

Die Bombennacht Palmarum 28/29.3.1942

In Lübeck wird die Nacht nicht nach dem Kalenderdatum erinnert, sondern als „Palmarum 1942″ – dem Palmsonntag, an dem traditionsgemäß Konfirmationen gefeiert werden.

Lübeck wurde nicht wegen militärischer Bedeutung bombardiert: Es hatte keine kriegswichtige Rüstungsindustrie und war strategisch unbedeutend. Die Entscheidung, gerade Lübeck anzugreifen, folgte einer neuen, zynischen Kriegslogik. Ein interner Untersuchungsbericht der RAF, der Butt Report vom August 1941, hatte offengelegt, dass gezielte Angriffe auf einzelne Industrieanlagen kaum trafen. Am 14. Februar 1942 erließ das britische Luftfahrtministerium deshalb die „Area Bombing Directive“ – eine fundamentale Kehrtwende: Nicht mehr Fabriken oder Militäranlagen sollten bombardiert werden, sondern die Moral der Zivilbevölkerung gebrochen werden, indem Wohngebiete gezielt vernichtet wurden. Am 23. Februar 1942 übernahm Air Marshal Arthur Harris das Kommando über das RAF Bomber Command. Harris, später als „Bomber Harris“ bekannt, war überzeugt, Deutschland allein durch Flächenbombardements zur Kapitulation zwingen zu können.

Lübeck bot sich aus mehreren Gründen als erster Testfall an. Die Stadt hatte nur fünf schwere und vier leichte Flak-Batterien und keinerlei Jagdflugzeugschutz – von den norddeutschen Großstädten, die der RAF erreichbar schienen, waren nur Kiel und Lübeck infrage gekommen, und die Wahl fiel auf die schwächer verteidigte. Der Philosoph A. C. Grayling deutet zudem an, dass der RAF Generalstab die Wirkung von Brandbomben in einer dicht bebauten Altstadt mit engen Gassen erproben wollte – die mittelalterlichen Fachwerk- und Ziegelbauten des Gründungsviertels galten als idealer Brandbeschleuniger. Manche sahen darin auch eine Art Vergeltung: Die deutsche Luftwaffe hatte im November 1940 bei der Operation „Mondscheinsonate“ Coventry schwer bombardiert, und die RAF wandte nun dieselbe Technik – Brandbomben in dicht bebauten Stadtkernen – gegen deutsche Städte an. Hinzu kam ein politisches Kalkül: Die Westalliierten, die noch keine zweite Front in Europa eröffnen wollten, nutzten die Bombenangriffe auch als Signal an die Sowjetunion, deren Staatschef Josef Stalin wiederholt eine zweite Front gefordert hatte.

Zeitgenössisches britisches Plakat: „Schwere „Stirling“-Bomber greifen den Nazi-Ostseehafen Lübeck an und hinterlassen die Hafenanlagen in Flammen“. © Royal Air Force Museum, London

Die Bedingungen in der Nacht selbst waren für die Angreifer nahezu ideal – Vollmond, klare Frostluft, spiegelndes Wasser von Trave, Wakenitz und Elbe Lübeck-Kanal wiesen den Weg zur Altstadt. In drei Wellen zwischen 23:18 Uhr und etwa 2:58 Uhr warfen 234 Wellington- und Stirling-Bomber rund 400 Tonnen Bomben ab, zwei Drittel davon Brandbomben. Die schwache Flakabwehr erlaubte den Briten Anflughöhen von nur rund 600 Metern und entsprechend präzise Treffer.

Innerhalb weniger Stunden entwickelte sich aus unzähligen Einzelbränden ein Feuersturm, der von den breiten Straßen auf die engen Gassen übergriff. Ein Volltreffer in die Hauptwasserleitung ließ sämtliche Hydranten ausfallen; Trave und Kanal waren teils zugefroren, sodass kaum Löschwasser zur Verfügung stand. Besonders schwer traf es einen etwa 300 Meter breiten Streifen am westlichen Rand der Altstadtinsel, vom Dom bis zur Fischergrube – und mittendrin das alte Kaufmannsviertel zwischen Marienkirche und Trave, also genau jenes Viertel, in dem die Fischstraße liegt. Fast die gesamte historische Bebauung, die dort 800 Jahre Stadtgeschichte repräsentierte, ging in dieser Nacht verloren.

TodesopferZerstörte GebäudeObdachloseAngriffswellen
3201.468über 15.0003 (über 3 Stunden)
     Die Ruinen der Fischstraße im Gründungsviertel, damals noch Kaufmannsviertel, kurz nach dem Angriff         Palmsonntag 1942. © Stadtarchiv Lübeck

                                Luftbild von St. Marien und der zerstörten Innenstadt nach dem Angriff.

                                                   © Museum für Kunst- und Kulturgeschichte Hamburg

 

In der nur wenige Häuser entfernten Alfstraße 18 stand am Palmsonntag eine Torte für die Kaffeetafel der Familie bereit. Das Haus brannte aus, Trümmer ließen einen Teil des Erdgeschosses in die Kellerküche stürzen – und begruben die Torte dort, geschützt vor der völligen Zerstörung. Erst 2021 wurde sie bei Ausgrabungen wiederentdeckt: eine rußgeschwärzte, aber noch erkennbare „Tortenmumie“. Sie wurde 2022 Mittelpunkt der Ausstellung „Bittersüß! – Der Tortenfund von Lübeck 1942–2022” im Museum Holstentor.

Der Erfolg des Angriffs bestätigte Harris in seiner Strategie. Wenige Wochen später folgten Rostock, dann der „Tausend-Bomber-Angriff“ auf Köln – und schließlich die Feuerstürme in Hamburg, Kassel, Darmstadt und Dresden. Lübeck war der Anfang.

Eric Warburg: Der Mann, der Lübeck rettete

Eric M. Warburg (1900–1990) zog 1926 nach Lübeck und engagierte sich intensiv für die Stadt; 1930 gründete er die Lübecker Bank, die als Tochterunternehmen der Hamburger Warburg-Bank rasch zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor der Region wurde. Als Jude wurde er von den Nationalsozialisten zur Emigration gezwungen.

                          Bucheinband Jeanette Erazo Heufelder, „Eric Warburg. A Transatlantic Life“

Im Zweiten Weltkrieg diente Warburg als Verbindungsoffizier zwischen den Generalstäben der US Army Air Forces und der RAF. 1944 bewirkte er
gemeinsam mit dem IKRK-Präsidenten Carl Jacob Burckhardt, dass Lübeck als Versorgungshafen des Roten Kreuzes für alliierte Kriegsgefangene ausgewiesen wurde – und damit vor weiteren Bombenangriffen geschützt war. Am 2. Mai 1945 marschierten britische Truppen kampflos in die Stadt ein. 1956 widmete die Hansestadt Lübeck Eric Warburg die Eric-Warburg-Brücke über die Trave – nicht weit von der Fischstraße 22 entfernt.

Das reich verzierte Barockportal der Fischstraße 22 überstand als nahezu einziges aufrecht stehendes Element den Feuersturm – umgeben von Trümmern und ausgebrannten Hausfassaden. Das Portal wurde später abgetragen und ist bis heute nicht wieder aufgefunden worden. © Stadtarchiv Lübeck

 

Luftaufnahme von St. Marien und Innenstadt in der Nachkriegszeit – die Trümmerflächen des Gründungsviertels sind bereits geräumt. © Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek – Landesgeschichtliche Sammlung, DE-MUS-076111, Lübeck 97, CC BY-SA 4.0

 

                               Luftbild von St. Marien und der zerstörten Innenstadt nach dem Angriff. 

                                          © Museum für Kunst- und Kulturgeschichte Hamburg

Nachkriegszeit: Berufsschulen auf historischem Boden

Nach der Zerstörung von 1942 blieb das Gründungsviertel zunächst als Trümmergelände liegen. Noch Ende 1948 lagen schätzungsweise 100.000 Kubikmeter Trümmer unbeseitigt in der Stadt. Das verwüstete Areal im Herzen der Innenstadt galt danach als verfügbares Bauland – und die Stadt benötigte dringend Schulraum. So entstand 1954/55 nach einem Vorentwurf des Göttinger Architekten Diez Brandi an der Fischstraße die Kaufmännische Berufsschule. Auf dem gegenüberliegenden Block zwischen Fisch- und Braunstraße errichtete das städtische Hochbauamt bis 1961 die Hauswirtschaftliche Berufsschule.

Die Berufsschulgebäude der Hanse-Schule im Gründungsviertel, im Hintergrund die Türme von St. Marien. 
                                             © Frank 1204, Quelle: Stadtbild-deutschland.org

Die beiden großvolumigen Einzelgebäude wurden abweichend von der historischen Parzellen- und Straßenstruktur errichtet – die gewachsene mittelalterliche Stadtstruktur wurde damit ein zweites Mal, diesmal durch Gleichgültigkeit, ausgelöscht. Der Wiederaufbau des Doms zog sich derweil bis 1982 hin, der der Petrikirche bis 1986.

 

Ein Spätes Umdenken

Als Lübeck 1987 in weiten Teilen zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde, wuchs die Einsicht, dass die Schulbauten der 1950er Jahre dem historischen Ort nicht gerecht wurden. In den 1990er Jahren entstanden erste Überlegungen, die Schulen zu verlagern und das Viertel mit mehreren Hotels zu bebauen. Dadurch, dass die Grabungen doch so ergibig waren und sich dadurch weitaus länger hinzogen, sprangen die Investoren ab. Die Stadt musste umdenken und beschloss das Viertel auf Grundlage mittelalterlichen Parzellen neu zu bebauen – kein pseudohistorisches Kulissenbild, sondern ein zeitgemäßes, vielfältiges Wohnquartier auf altem Grundriss. Die Häuser, die hier entstehen sollten, sollten die gleiche Cubertur und Dachneigung wie die Häuser, die hier bis 1942 standen, haben. Die Erdgeschosse sollten, um die Lübschen Dielen der Kaufmannshäuser zuzeigen, eine Höhe von ca 4,50 haben. Die Fassaden sollten alle den Gestaltungsbeirat der Stadt Lübeck passieren, um zu gewährleisten, dass die Vorgaben umgestetzt werden.

 

Die Stadt gräbt in ihrer eigenen Geschichte (2009–2015)

2009 erhielt die Stadt 9 Millionen Euro aus dem Bundesinvestitionsprogramm „Nationale UNESCO-Welterbestätten“. Damit konnten die Nachkriegsschulen abgebrochen und eine der umfangreichsten Stadtkerngrabungen Deutschlands durchgeführt werden.

                      Ausgrabungen zwischen Alfstraße und Fischstraße, im Hintergrund die Türme von St. Marien

 

Die Ausgrabungen bis 2015 erbrachten rund 400.000 Keramikscherben und annähernd 50.000 Glasfragmente – einen der größten Fundkomplexe Nordeuropas. Mehr als 40 Holzkeller wurden freigelegt; die Stratigraphien erreichen bis zu fünf Meter Tiefe und dokumentieren die Stadtentwicklung vom Gründungsjahr 1143 bis zur Zerstörung 1942 nahezu lückenlos.

Besonders aufschlussreich waren die mittelalterlichen Abfallgruben, die Alltagsgegenstände vom 12. bis ins 18. Jahrhundert bargen: eine Gussform zur Schmuckherstellung, ein Zapfhahn, das Fragment eines Knochenkamms, Keramik sowie Schuh- und Kinderschuhfragmente aus Leder. In den Hofbereichen der Fischstraße fand sich zudem ein Backsteinboden, dessen Steine ausnahmslos so verlegt waren, dass das Zeichen der städtischen Ratsziegelei – ein Stempel mit Doppelkopfadler – nach oben zeigte: ein mittelalterlicher Lokalpatriot am Werk.

Ab Herbst 2026 sind ausgewählte Originalfunde aus den Ausgrabungen – darunter der Knochenkamm, der Zapfhahn und weitere Fundstücke aus der Fischstraße – als Dauerleihgabe des Archäologischen Amtes der Hansestadt Lübeck im The Layhead B&B zu sehen: Fundstücke aus Schichten direkt unterhalb der heutigen Fischstraße, buchstäblich unter den Füßen unserer Gäste.

 

             Archäologische Kleinfunde aus der Fischstraße im Archiv: Holzdose, Tuchplomben und weitere Fundstücke                           ©Katrin Eckloff

Fragmente eines reliefverzierten Steinzeugkrugs aus den Ausgrabungen im Gründungsviertel. Der Figurenfries zeigt die biblische Geschichte von Judith und Holofernes: Die jüdische Witwe Judith rettet ihre belagerte Heimatstadt, indem sie sich ins Lager des assyrischen Feldherrn Holofernes begibt und ihn enthauptet – ein im 16. und 17. Jahrhundert beliebtes Bildmotiv auf Kunsthandwerk ©Katrin Eckloff

 

Neuaufbau ab 2009 — Ein europaweit einmaliges Projekt

Der Neuaufbau folgte dem Prinzip der kritischen Rekonstruktion: Die historischen Straßenfluchten und die differenzierte mittelalterliche Parzellenstruktur wurden wiederhergestellt, die neuen Gebäude orientieren sich in Giebelständigkeit, Dichte und Traufhöhen am historischen Vorbild – ohne es zu imitieren. Kein Haus gleicht dem anderen; jede der 38 Parzellen wurde einzeln bebaut und architektonisch individuell gestaltet, nur die Fassade des Neubaus der Fischstrasse 17 gleicht dem Gebäude, das hier bis 1942 stand.

 

                                   

                                    © Rudolf Struck                                     ©Katrin Eckloff

© Katrin Eckloff

 

Üblich war es nach 1942 auch die Portale oder ganze Fassaden abzutragen und an anderer Stelle wieder aufzubauen. 

                              © Rudolf Struck 

                  © Katrin Eckloff

 

Der obere Teil der Fassade der Fischstrasse 19 wurde nach 1942 abgetragen und neben dem Buddenbrookhaus in der Mengstrasse wieder aufgebaut. Um es den anderen Häusern auf beiden Seiten von der Höhe anzunähern wurde das Erdgeschoss um 1,20 meter gekürzt und zu einer Durchfahrt um gestaltet. Die Fassade der heutigen Fischstrasse 19 hat sich deutlich an dem Orginal orientiert.

 

                  © Katrin Eckloff

      Luftaufnahme der Ausgrabungsstätte im Gründungsviertel, im Hintergrund St. Marien. Auf der linken Seite der       Luftaufnahme sieht man bereits die ersten Bodenplatten, die die Grundfläche der zukünftigen Häuser in der Alfstraße                                                                                    zeigen. © Lübeck 2018

 

Um die architektonische Qualität zu sichern, lobte die Hansestadt Lübeck 2015 einen europäischen Ideenwettbewerb zur Fassadengestaltung aus. Über 130 Architekturbüros aus ganz Europa reichten Entwürfe für drei charakteristische Parzellentypen ein; die Jury vergab acht Preise und sechs Anerkennungen, dokumentiert in der Broschüre „Lübeck gründet auf kreativer Qualität von Europas Architekten“.

Ebenso wegweisend war das soziale Vergabekonzept: Die Grundstücke wurden nicht nach dem Höchstgebot verkauft, sondern nach der Qualität der eingereichten Nutzungskonzepte. Ausgewählte Parzellen wurden gezielt für Familien mit Kindern, Mehrgenerationenwohnprojekte und Baugemeinschaften reserviert. Die Mischung von Wohnen und Arbeiten war ausdrücklich erwünscht; die Erdgeschosszonen sollten mit Läden, Gastronomie und öffentlichkeitswirksamen Nutzungen belebt werden. Das Viertel ist zudem autoarm geplant; ein gemeinsames Blockheizkraftwerk in der Fischstraße 25 versorgt alle Gebäude über ein Nahwärmenetz.

Der gesamte Planungsprozess war von intensiver Bürgerbeteiligung geprägt. In einer öffentlichen „Gründungswerkstatt“ im Februar 2012 diskutierten Lübeckerinnen und Lübecker gemeinsam über Wohnformen, soziale Infrastruktur, Verkehr und Gestaltung; die Ergebnisse flossen direkt in den Rahmenplan ein, den die Lübecker Bürgerschaft im September 2015 als Bebauungsplan beschloss.

2016 wich der letzte Nachkriegsbau in der Fischstraße 7–9 der Neubebauung, 2017 begannen die Bauarbeiten. Im Juli 2018 wurde mit dem Haus Alfstraße 27 das erste Gebäude des neuen Gründungsviertels fertiggestellt, in den Folgejahren kamen weitere Häuser in Alfstraße, Braunstraße und Fischstraße hinzu.

 

Luftaufnahme der Lübecker Altstadtinsel mit Marienkirche und St. Petri. Das Haus Alfstraße 27 steht. © Rainer Jensen

                                               Bau 2019-2022 Fischstrasse 22 © Katrin Eckloff

 

Heute – Fischstraße 22

Das Gründungsviertel gilt heute nicht nur als einmaliges städtebauliches Projekt innerhalb der Lübecker Altstadt, sondern als europaweit beachtetes Modell dafür, wie eine kriegszerstörte mittelalterliche Stadtstruktur im 21. Jahrhundert verantwortungsvoll und lebendig wiederaufgebaut werden kann – ohne Rekonstruktion im historistischen Sinne, aber auch ohne Beliebigkeit.

Auf dem Grundstück Fischstraße 22 begann der Bau im Herbst 2019. Am 1. August 2022 eröffnete The Layhead B&B, im selben Jahr, in dem die Hauptbauphase des Projekts ihren Abschluss fand. Wo einst Ratsherren und Flottenführer wohnten, Kaufleute ihre Waren lagerten und in der Nacht des Palmsonntags 1942 fast alles verloren ging, heißen wir unsere Gäste heute in einem Viertel willkommen, das seine 800-jährige Geschichte im Grundriss bewahrt – und im 21. Jahrhundert neu erzählt.

 

               Lübeck um 1910

               Lübeck 2026 – Blick von St. Petri © Katrin Eckloff

 

Lage und Umgebung

Die Fischstraße liegt im westlichen Teil der Lübecker Altstadtinsel. In fußläufiger Entfernung befinden sich die Marienkirche mit den Mahnmal-Glocken aus der Bombennacht 1942, das Holstentor, die Salzspeicher, das Europäische Hansemuseum, das Buddenbrookhaus in der Mengstraße (Vorbild für Thomas Manns Roman von 1901, derzeit bis 2030 wegen Umbau geschlossen) sowie die Eric-Warburg-Brücke über die Trave. Die Lübecker Altstadt gehört seit 1987 zum UNESCO-Welterbe.

           Fischstraße 22, 2026. © Katrin Eckloff

                                                           Die Fischstrasse von 1942 bis heute

Zeittafel

JahrEreignis
vor 1180Erste Bebauung des Areals (archäologisch belegt)
1143Gründung der Hansestadt Lübeck
1263Erste urkundliche Erwähnung der Fischstraße
1501–1526Berend Bomhover, Ratsherr und Flottenführer, Eigentümer von Fischstraße 22
1580–1592Heinrich Störning bewohnt Fischstraße 22
1815Emanuel Geibel in der Fischstraße 25 geboren
vor 1908Rudolf Struck fotografiert das Barockportal der Fischstraße 22
1926Eric Warburg zieht nach Lübeck
1930Warburg gründet die Lübecker Bank
28./29. März 1942Palmarum: Zerstörung in drei Bombenwellen; Portal von Fischstraße 22 bleibt als einziges Element stehen
1944Warburg erwirkt Schutzstatus über das IKRK
2. Mai 1945Kampfloser Einmarsch britischer Truppen
1954–1961Bau der Kaufmännischen und Hauswirtschaftlichen Berufsschule
1956Eric-Warburg-Brücke eingeweiht
1987UNESCO-Welterbe Lübecker Altstadt
2009Abriss der Schulgebäude, Beginn der Ausgrabungen
2009–2015Archäologische Ausgrabungen – großer Fundkomplex Nordeuropas
2012Öffentliche Gründungswerkstatt mit Bürgerbeteiligung
2015Europäischer Architektenwettbewerb (130+ Büros)
ab 2016Baubeginn auf historischen Parzellen
2022Eröffnung The Layhead B&B, Fischstraße 22
Herbst 2026Archäologische Fundstücke als Dauerleihgabe im The Layhead B&B